GOTT INS ZENTRUM STELLEN

Worte von Papst Benedikt XVI. an die Kirche in der Schweiz

Die Bedeutung der persönlichen Beziehung zu Gott
ABT Mauro-Giuseppe Lepori O. CIST.

Die Bedeutung der persönlichen Beziehung zu Gott
„Ich bin mit dir“

Am Anfang steht eine völlig unverdiente Einladung

Die verschmähte Einladung

Der Weg der Erneuerung: bei der Erfahrung Gottes anfangen

Beten lernen und lehren

Für ein frohes Christentum: die Hoffnung

 

Die Bedeutung der persönlichen Beziehung zu Gott
„Ich bin mit dir“

Beim Lesen der Predigt und der Ansprachen, die der Papst anlässlich des Ad-limina-Besuches der Schweizer Bischöfe im November 2006 gehalten hat, kam mir die Szene der Berufung des Mose (Ex 3,7-12) in den Sinn. Der Herr erscheint Mose im bren-nenden Dornbusch und offenbart ihm sogleich den Grund, warum er sich zeigt: «Ich habe das Elend meines Volkes gesehen … Ich bin herabgestiegen, um es zu befreien …». Und unverzüglich gibt Gott einen Auftrag, wie wenn er einen Pfeil abschießen würde, der bei der geringsten Abweichung sein Ziel verfehlt: «Und jetzt geh! … Führe mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten heraus!» Dieser Auftrag wird zur Berufung des Mose. Mose weiß um seine Unzulänglichkeit, er erfasst, wie sehr diese Sendung seine Fähigkeiten übersteigt und er führt Gott seine Schwachheit vor Augen: «Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen könnte?» Der Ruf, der Gott an ihn richtet, stürzt ihn in eine radikale Identitätskrise. Mose weist ja nicht in erster Linie auf den Mangel an Kraft und Fähigkeit hin, sondern vielmehr auf die Haltlosigkeit seines «Ich», auf die Bedeutungslosigkeit seiner Person, auf die Armseligkeit seiner Identität: «Wer bin ich?» Es fehlen ihm zur Ausführung des gött-lichen Auftrages nicht so sehr die Mittel: Er selbst ist der Mangel, gerade seine Per-son ist nicht angemessen, nicht die richtige.
Da sagt Gott ihm nicht: «Bleib nur ruhig, du wirst es schon schaffen, du hast die nöti-gen Eigenschaften, hab Selbstvertrauen!» Gott sagt nur: «Ich bin mit dir!» (Ex 3,12).
Es ist, als würde Benedikt XVI. das Gleiche zu den um ihn versammelten Schweizer Bischöfen sagen, als er sie in ihrer Berufung und Sendung als Hirten bestärken woll-te, als Hirten des Volkes des einundzwanzigsten Jahrhunderts, eines Volkes, das die wahre Freiheit zu verlieren, das auf die Freiheit des Denkens, des Handelns, der ech-ten Liebe zu verzichten scheint. Jesus Christus sendet auch heute seine Apostel, seine Jünger zu den Menschen unserer Zeit. Diese Menschen sind nicht mehr vom ägypti-schen Pharao, sondern von heimtückischeren Mächten und Ideologien beherrscht. Wer diese Sendung heute erhält, wird in die Verwirrung des Mose, die sein Selbstbe-wusstsein erschüttert, gestürzt: «Wer bin ich? Wer bin ich, dass ich diesen Auftrag erfüllen kann?»
Auch heute noch ermahnt Petrus seine Brüder, bestärkt sie im Glauben, dass die ein-zige Antwort auf diesen Zweifel, die einzige Antwort, die Trost und Kraft spendet, von Gott selbst kommt: «Ich bin mit dir!» Die Antwort des Mensch gewordenen Gottes, der für uns gestorben und auferstanden ist, ist heute noch entschiedener und enga-gierter, wie auch der Auftrag weltumfassend geworden ist: «Mir ist alle Macht gege-ben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern … und lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch geboten habe… Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!» (Mt 28,18-20).
Dieses «Ich bin bei dir!» ist die Antwort Gottes auf die Frage jedes Christen, wie er seine Sendung in der Kirche und in der Welt von heute erfüllen kann, sei er Hirte o-der einfacher Gläubiger. Diese Antwort durchzieht alle Worte, die der Heilige Vater an die Schweizer Bischöfe gerichtet hat.
In diesem Licht können wir die eindringliche Ermahnung des Papstes zum Gebet ver-stehen und aufnehmen: «Wichtig ist vor allem, die persönliche Beziehung zu Gott zu pflegen, zu dem Gott, der sich uns in Christus gezeigt hat» (Ansprache zum Abschluss des Besuches, 9. November 2006).
Wenn die Sendung der Kirche schwieriger wird, in Zeiten und Situationen, in wel-chen die Kirche vermehrt angefeindet wird, in welchen menschliche Schwäche und Unzulänglichkeit offensichtlicher werden, ist der Christ und vor allem der Hirte un-vermeidlich von der Versuchung bedroht, die Gegenwart Gottes, die Gegenwart des Auferstandenen zu vergessen, dessen sichtbares Zeichen und Instrument die Kirche ist. Wir vergessen und vernachlässigen die Tatsache, dass Gott bei uns bleibt. Wir verstricken uns (das vor allem!) in der quälenden Frage des Mose: «Wer bin ich? Wer sind wir?» und wir sind nicht mehr fähig die tröstliche Antwort Gottes zu hören: «Ich bin mit dir!»
Wir müssen diese Antwort Gottes wahrnehmen, diese wesentliche, einzig notwendige Antwort, die der Papst unseren Bischöfen und durch sie uns in Erinnerung rufen wollte. Denn diese Antwort ist unsere Identität, gibt uns unsere Identität. Diese Ant-wort lässt den Menschen verstehen, wer er ist, welches sein Wesen ist, worin das Ge-heimnis seines Herzens besteht. Nur wenn der Mensch auf seine Frage «Wer bin ich?» die Antwort Gottes annimmt, wird er fähig «ich» zu sagen, wird er fähig sich als jemand zu erkennen, dem Gott mit dem Leben eine besondere Berufung und Sen-dung mitgegeben hat.
Es lohnt sich, die wichtigsten Punkte der Ermahnung unseres Heiligen Vaters zum Gebet hervorzuheben und deren Verknüpfung aufzuzeigen.

Am Anfang steht eine völlig unverdiente Einladung

Lesen wir zu Beginn einen Abschnitt aus dem Evangelium, welchen der Papst in sei-ner Predigt zur Eröffnung des Ad-limina-Besuches auslegte:
«Ein Mann veranstaltete ein großes Festmahl und lud viele dazu ein. Als das Fest be-ginnen sollte, schickte er seinen Diener und ließ den Gästen, die er eingeladen hatte, sagen: Kommt, es ist alles bereit! Aber einer nach dem andern ließ sich entschuldi-gen. Der erste ließ ihm sagen: Ich habe einen Acker gekauft und muss jetzt gehen und ihn besichtigen. Bitte, entschuldige mich! Ein anderer sagte: Ich habe fünf Ochsenge-spanne gekauft und bin auf dem Weg, sie mir genauer anzusehen. Bitte, entschuldige mich! Wieder ein anderer sagte: Ich habe geheiratet und kann deshalb nicht kom-men. Der Diener kehrte zurück und berichtete alles seinem Herrn. Da wurde der Herr zornig und sagte zu seinem Diener: Geh schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und hol die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen herbei» (Lk 14,16-21).
Zuerst muss unterstrichen werden, dass das Gebet als persönliche Beziehung zu Gott immer eine Antwort auf die unverdiente Initiative des Herrn ist. Alles geht von dieser Initiative aus; Gott ist es, der dem Menschen seine Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Freundschaft schenkt. Die Einladung, die der Herr des Festmahles an die Rei-chen und Armen richtet, ist völlig unverdient. Diese schickten sich an, ihre Arbeit auf dem Feld zu verrichten, Handel zu treiben, mit ihren Ochsen zu pflügen, sich mit ih-rer Braut zu unterhalten; oder sie waren dabei, am Wegrand um ein Stück Brot zu betteln, die Aufmerksamkeit auf ihr Gebrechen zu ziehen, sich auf der Straße voran-zutasten; vielleicht verfluchten sie gerade ihr Schicksal, das ihnen Armut und Krank-heit auferlegte, als sie die völlig unerwartete Einladung des Herrn überfiel: «Kommt mit mir essen! Kommt mit mir eine Stunde der Gemeinschaft, der Freundschaft zu verbringen!»
Verglichen mit den Reichen und Mächtigen haben die Armen und Unglücklichen im Angesicht dieser überraschenden und unverdienten Einladung einen Vorteil: Sie ha-ben nichts zu verteidigen, nichts Wichtigeres zu tun in diesem Augenblick. In ihrer desperaten Situation können sie besser als andere die Unverhältnismäßigkeit und den Wert dessen ermessen, wozu der Herr sie einlädt.
Gerade diese Grundlosigkeit, mit der Gott dem Menschen seine grenzenlose Freund-schaft anbietet, scheitert nie. Selbst wenn der Festsaal, den Gott mit Gästen füllen will, leer bleibt, «Gott scheitert nicht», sagt der Papst, denn «der leere Saal wird zur Möglichkeit, mehr Menschen zu rufen. Gottes Liebe, Gottes Einladung weitet sich aus» (Predigt vom 7. November 2000).
Gott schließt den unendlichen Raum der Gemeinschaft mit ihm nicht. Daher ist die persönliche Beziehung zum Herrn im Gebet immer möglich, sie kann immer wieder aufgenommen und erneuert werden.

Die verschmähte Einladung

Die Grundlosigkeit der Einladung offenbart das eigentliche Wesen der Ablehnung: die Verkennung, die Unterschätzung des Angebots. Alle Personen des Gleichnisses bringen für die Ablehnung der Einladung Gründe vor, die mit dem täglichen Leben jedes Menschen zu tun haben: das Feld, fünf Ochsengespanne, die Hochzeit, kurz: die Güter, die wir besitzen, unsere Arbeit, die Beziehungen, die unser Leben bestimmen.
Dabei handelt es sich in diesem Gleichnis nicht um den Ruf, alles zu verlassen, das Feld, die Arbeit, die eigene Familie, und dem Herrn zu folgen, um das Hundertfache und das ewige Leben zu erlangen. Diese Menschen sind einfach eingeladen, zu jenem Herrn, zu seinem Festmahl zu gehen. Kann man denn die Besichtigung des erworbe-nen Feldes nicht um ein paar Stunden verschieben? Können die Ochsengespanne nicht noch etwas warten, bevor sie ausprobiert werden? Kann die junge Frau, die e-ben geheiratet hat, nicht für ein paar wenige Stunden allein bleiben, wo ja das ganze Eheleben vor ihr liegt? Warum schlagen diese Menschen die Einladung aus? Ihre Entschuldigungen halten nicht stand: Keiner der Gründe ist zwingend, keiner ist eine echte Alternative zum Festessen, das der Herr anbietet.
Der eigentliche Grund für die Ablehnung ist die Unterschätzung, die geringe Bedeu-tung, die der Einladung und damit auch der Person, die einlädt, beigemessen wird. Wenn die Geladenen keine Bedenken haben, die Einladung abzulehnen, will das hei-ßen, dass dieser Herr für sie gar nicht wichtig ist, dass er kein König oder Hausherr von Bedeutung ist. Und somit erkennen wir, dass der einzige Grund für die Annahme der Einladung die Freundschaft dieses Herrn wäre. Er lädt allein aus Freundschaft zum Festmahl ein, weil er will, dass diese Freundschaft sich vertieft. Es ist diese Freundschaft, welche die Geladenen ausschlagen, es ist diese Freundschaft, welche sie nicht zu schätzen wissen.
Der Papst weist in seiner Predigt darauf hin, dass die Verkennung der grundlosen Freundschaft Gottes eigentlich das Wesen der Erbsünde ist, das Tor, durch das Adam das Böse in sein Leben und in die ganze Menschheitsgeschichte eindringen ließ: «A-dam war mit der Freundschaft Gottes nicht zufrieden; es war ihm zu wenig, er wollte selbst ein Gott sein. Er sah Freundschaft als Abhängigkeit an und hielt sich für einen Gott, wenn er nur in sich selber stand.»
Diejenigen, welche die Einladung zum Festmahl des Herrn ausschlagen, gleiten in diese absurde Logik ab, indem sie den Anspruch erheben «in sich selber zu stehen», indem sie glauben, nicht auf Gott und seine Freundschaft angewiesen zu sein, um ihr alltägliches Leben menschlicher, schöner, wahrhaftiger und heller werden zu lassen.
Die Geladenen, die mit nichtigen Begründungen die Einladung des Herrn ausschla-gen, sind ein perfektes Bild für den Menschen unserer Zeit, für den Menschen der abendländischen, entchristlichten Gesellschaft. Es geht hier wohl nicht mehr um eine überlegte Ablehnung, die einer andern religiösen oder philosophischen Überzeugung entspringt. Es handelt sich vielmehr um den Verlust des Bewusstseins, welche Bedeu-tung der Beziehung mit Gott im Leben des Menschen zukommt.
«Wie ist es möglich», fragt sich der Papst mit Gregor dem Großen, «wie ist es mög-lich, dass der Mensch zu dem Größten ‚nein’ sagt, für das Wichtigste keine Zeit hat, seine Existenz in sich verschließt?»
Die Antwort des Papstes entlastet in einem gewissen Sinn den Menschen unserer Zeit und beschreibt dessen innere Armut: «Sie haben eben nie die Erfahrung Gottes ge-macht, sind nie auf den Geschmack Gottes gekommen; sie haben nie gespürt, wie köstlich es ist, von Gott angerührt zu werden! Diese ‚Berührung’ – und damit ‚der Geschmack an Gott’ – fehlt ihnen.»
Die Not des Menschen unserer Zeit besteht darin, dass er Gott ablehnt, ohne ihn zu kennen. Die Gäste, welche die Einladung ausschlagen, um etwas anderes zu machen, etwas anderes zu erleben, sind somit ein Gleichnis für unsere Gesellschaft, in welcher die von Gott angebotene Freundschaft die Realität des alltäglichen Lebens nicht mehr erreicht, keine Bedeutung mehr hat für das, was der Mensch besitzt, für seine Arbeit, sein Gefühlsleben, sein Familienleben. Der Mensch sieht und glaubt nicht mehr, dass die Freundschaft mit Gott sein Leben positiv beeinflussen, dass sie eine Erfüllung in die Wirklichkeit des Alltags bringen würde, die dieses Leben menschlicher und lichter werden ließe.
Dieses Gleichnis beschreibt auch das Wesen der großen Krise, die das abendländische Christentum erschüttert, der Krise der europäischen und nordamerikanischen Län-der, der Krise, welche die Kirchen geleert, das Leben vieler Pfarreien in der Form er-starren und steril werden ließ, welche so viele Institutionen der Erziehung, des kari-tativen Wirkens und des kulturellen Lebens laisiert hat, Einrichtungen, welche die Kirche in der Vergangenheit mit unermüdlichem Einsatz gegründet und belebt hat. Die Krise besteht nicht in erster Linie darin, dass statistisch gesehen weniger prakti-ziert und weniger für die Kirche getan wird. Das ist bloß eine Folge. Die Krise besteht darin, dass Jesus Christus nicht mehr als der wahrgenommen wird, der unser wirkli-ches Leben, das alltägliche Leben rettet und heil macht. Und wenn die Kirchen leer werden, zeigt das vielleicht, dass die Krise bereits vorhanden war, als sie noch voll waren, weil man nicht mehr erkannte, wie der Messbesuch, die Heiligung des Sonn-tags, die Beteiligung an kirchlichen Anlässen, die Mitarbeit in katholischen Vereinen sich vorteilhaft auswirkte auf das Leben der Gläubigen, das Leben besser, intensiver, menschlicher, glücklicher zu machen vermochte. Diese Praxis war bereits nicht mehr die gelebte und immer neue Erfahrung des Heilswirkens Christi, der den Menschen hier und jetzt erlöst.
Der Papst untersucht diese Situation und hilft uns, ihr ins Auge zu blicken. Er zeigt auf, wie sie von ihrer Wurzel her nicht eine Krise der Struktur, sondern eine Krise des Glaubens und der inneren Erfahrung ist und die Schwäche unseres Herzens offen-bart. Diese Krise betrifft uns alle nach und nach. In einem Abschnitt seiner Predigt beschreibt der Papst sie als eine Art Herzatrophie. Das Herz der Krise des modernen Menschen ist die Krise seines Herzens, die Krise des menschlichen Herzens, das die Fähigkeit der Freundschaft mit Gott verliert: «Wenn der Mensch ganz mit seiner ei-genen Welt beschäftigt ist, mit den materiellen Dingen, mit dem, was er tun und ma-chen kann, mit allem Machbaren, das ihm Erfolg bringt, das er selber hervorbringen und aus sich einbeziehen kann, dann verkümmert seine Empfindungsfähigkeit Gott gegenüber, das Organ für Gott verkümmert und er wird stumpf und unsensibel für ihn. Er spürt das Göttliche nicht mehr, weil das Organ in ihm vertrocknet ist, sich nicht mehr entfaltet hat. Wenn er zu sehr all die anderen Organe gebraucht, die em-pirischen, dann kann es geschehen, dass eben der Sinn für Gott verflacht, dieses Or-gan abstirbt und der Mensch, wie Gregor sagt, das Anschauen, das Angeschautwer-den von Gott nicht mehr empfindet – dieses Kostbare, dass sein Blick mich trifft!» (Predigt vom 7. November 2006).
Der Mensch unserer Zeit hat sozusagen den Geschmack an Gott verloren, und mit diesem Verlust verliert er seine tiefste Dimension, verliert er sein Herz, das danach hungert das Antlitz Gottes zu sehen, sich von Seinem Blick faszinieren zu lassen.

Der Weg der Erneuerung: bei der Erfahrung Gottes anfangen

Wie kann diese Krise, die den Menschen gegenüber der Gotteserfahrung immun ge-macht hat, überwunden werden? Wie kann die Überzeugung, dass Gott allein das Herz des Menschen und der Menschheit mit neuem Leben zu erfüllen vermag, ge-weckt werden?
Benedikt XVI. zeigt einen im Grunde sehr einfachen Weg auf, ein Weg, der die Schwachheit und Schuld des Menschen nicht übergeht: Wir können den Neuanfang nicht von uns aus schaffen, von dem aus, was wir sind und tun, von dem aus, was wir denken und empfinden. Ein Neubeginn ist nur von Gott her möglich. Wir können mit Ihm neu anfangen, so wie Er mit uns nach jedem Scheitern seines Heilsangebotes neu anfängt.
«Gott scheitert nicht», sagt uns Benedikt XVI. Er scheitert nicht, weil er immer neu anfängt, den Menschen zu lieben. Es ist unumgänglich, von ihm her neu zu beginnen und so neu zu beginnen, wie Er es tut: Er erneuert, vertieft und erweitert ständig das Angebot seiner Liebe, seiner Freundschaft. Die Bedingungslosigkeit der ständig er-neuerten Liebe Gottes offenbart sich in besonderem Maß gegenüber der Ablehnung und Missachtung, die der Mensch ihm entgegenbringt. Und gerade diese Erfahrung ruft den Menschen eindringlich dazu auf, nun seinerseits sich dieser Liebe bedin-gungslos zu öffnen. Er kann das aber nur im Bewusstsein seiner Bedürftigkeit, im Bewusstsein, dass er diese Liebe nicht verdienen kann.
Daher kann Gott nur mit dem bedürftigen Herzen neu beginnen, kann er nur dem Notleidenden das abgewiesene Angebot seiner Freundschaft erneuern. Gott macht einen Neuanfang mit den Ärmsten, weil jeder Neuanfang allein seinem Erbarmen entspringt, und mit seinem Erbarmen holt er alles ein. Es ist diese Barmherzigkeit, die nie scheitert, die Barmherzigkeit, die sich im gekreuzigten Christus restlos offen-bart hat. Die Liebe Gottes, die in der Ablehnung des Menschen scheitert, siegt im Er-lösungstod Christi. «Durch das Kreuz Christi ist Gott zu den Völkern gekommen, aus Israel hinausgegangen, der Gott der Welt geworden. (...) Der Gott, der ‚gescheitert’ war, bringt nun durch seine Liebe den Menschen wirklich dazu, die Knie zu beugen, und überwindet so die Welt mit seiner Liebe» (Predigt vom 7. November 2006).
Das Erbarmen Gottes verwandelt auf diese Weise die Leere, die der Mensch mit sei-ner Verweigerung schafft. «Der leere Saal wird zur Möglichkeit, mehr Menschen zu rufen. Gottes Liebe, Gottes Einladung weitet sich aus (...) Er lädt die ein, die nichts besitzen; die wirklich Hunger haben, die ihn nicht einladen, ihm nichts geben kön-nen» (Predigt vom 7. November 2007).
Ja, betont der Papst, «Gott scheitert nicht. Er ‚scheitert’ ständig, aber gerade darum scheitert er nicht, denn er macht daraus neue Möglichkeiten größeren Erbarmens, und seine Phantasie ist unerschöpflich. Er scheitert nicht, weil er immer neue Weisen findet, zu den Menschen zu gehen und sein großes Haus weiter zu öffnen, dass es ganz voll werde. Er scheitert nicht, weil er nicht davor zurückschreckt, die Menschen zu drängen, dass sie kommen und sich an seinen Tisch setzen sollen, das Mahl der Armen einzunehmen, in dem die köstliche Gabe, Gott selbst, geschenkt wird. Gott scheitert nicht, auch heute nicht. Selbst, wenn wir so viel Nein erleben, dürfen wir es wissen. Aus dieser ganzen Gottesgeschichte, von Adam an, können wir erkennen: Er scheitert nicht. Auch heute wird er neue Wege finden, Menschen zu rufen, und möch-te uns als seine Boten und Diener dabei haben.»
Wir jammern viel über den Zustand unserer Kirche. Die zunehmende Leere betrübt und deprimiert uns. Der Papst lädt uns ein den Blick zu heben, mit den Augen des Glaubens zu sehen, uns immer wieder den Herrn und sein Handeln in Erinnerung zu rufen. Wir sind wie das Volk Israel in der Wüste: Wir vergessen schnell die Wunder-taten des Herrn, und deshalb verlieren wir unser Vertrauen zu ihm. Wir klammern uns an das Vertrauen, das wir in uns selbst setzen, und damit an eine Illusion. Papst Benedikt XVI. aber lädt uns dazu ein, gerade diese deprimierende Leere als Raum der Hoffnung zu sehen und zu leben. Wie das? Im Gebet, indem wir diesen Raum füllen mit der Beziehung zu Gott, mit der Erfahrung Gottes. Ist es nicht gerade das, was Je-sus immer getan und gelebt hat, wenn er in der Wüste und in der Nacht betete, bis in die innere völlige Verlassenheit im Garten des Ölbergs und am Kreuz?
Der Papst konzentriert unsere ganze Verantwortung, den Einsatz unserer Freiheit in der Entscheidung, uns völlig in die persönliche Beziehung zum Herrn hinein zu ge-ben. Das allein wird unseren leeren Saal füllen, denn es ist nicht in erster Linie die Zahl der Leute als vielmehr die Bereitschaft, den unter uns lebenden Herrn aufzu-nehmen, die die Vitalität der Kirche ausmacht. Es ist, als würde der Papst noch ein-mal hören, wie Jesus zu seinen Jüngern sprach: «Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen» (Mt 18,19-20).
Ja, es tut nichts zur Sache, wenn wir nur wenige, sehr wenige sind. Nicht die Zahl ist wichtig, sondern dass die Wenigen im Gebet, im Namen Jesu vereint bleiben; dass die persönliche Beziehung zu Christus die Leere füllt, die Kleinheit und Schwäche unserer Gemeinschaft und unserer Person.
Benedikt XVI. betont die Bedeutung des Gebetes und damit die zentrale Stelle Gottes als immer neu angebotene «Lösung» des Problems, das im Elend des Menschen und der Welt besteht. Der Papst beharrt nicht auf einer Praxis, sondern auf der Beziehung zu einer Person. Denn wenn es der Welt schlecht geht, wenn es dem Menschen schlecht geht, wenn selbst die Kirche in der Krise zu sein scheint, dann fehlt uns nicht etwas, dann fehlt uns nicht ein besseres Programm, dann fehlt uns Gott. Dann fehlt uns der Herr. Dann fehlt uns Christus.
Der Aktivismus und ganz besonders der kirchliche Aktivismus offenbart uns, dass wir diese zentrale Wahrheit vergessen haben. «Denn die Gefahr besteht ja auch für uns: Man kann ganz viel tun, Kirchliches tun, alles für Gott tun…, und dabei bleibt man ganz bei sich selber und kommt Gott gar nicht über den Weg» (Predigt vom 7. November 2006).
Gott ins Zentrum stellen bedeutet vor allem, das Bewusstsein pflegen und ausdrü-cken, dass Er unverzichtbar ist, dass wir ohne Ihn nichts tun können (Joh 15,5). Das Gebet ist somit wie das Einatmen der Luft, der angemessenste Ausdruck, die einzige Antwort auf unseren Hunger: die Gegenwart des lebendigen Gottes, der uns rettet.
«Es geht um die Zentralität Gottes, – sagt der Papst zum Abschluss seiner Predigt – und zwar nicht irgendeines Gottes, sondern des Gottes mit dem Gesicht Jesu Christi. Das ist heute wichtig. Es gibt so viele Probleme, die man auflisten kann, die alle ge-löst werden müssen, die aber alle nicht gelöst werden, wenn nicht im Zentrum Gott steht, neu sichtbar wird in der Welt, maßgebend ist in unserem Leben und durch uns auch maßgebend in die Welt hineinritt. Daran, denke ich, entscheidet sich heute das Geschick der Welt in dieser dramatischen Situation: ob Gott da ist ‚der Gott Jesu Christi – und anerkannt wird, oder ob er verschwindet. Um seine Gegenwart mühen wir uns. Was sollen wir tun? Zuletzt? Wir rufen zu ihm!»

Beten lernen und lehren

Der Papst will die Bischöfen und alle Gläubigen ganz einfach an das das Wichtigste erinnern: wir müssen beten lernen. Wir müssen beten lernen, damit wir im Gebet unterweisen können; das heißt nicht Lektionen über das Gebet erteilen, sondern die Erfahrung weitergeben, dass die lebendige Beziehung zu Gott die Substanz und Fülle des Christentums ist. Darauf insistiert der Heilige Vater in der Ansprache, die er zum Abschluss des Ad-limina-Besuches gehalten hat. Er ermahnt dazu, nicht mehr die ganze Energie auf Diskussionen zu verschwenden: «Wir sollten unseren Glauben nicht durch vielfältige Einzelheiten zerreden lassen», denn so lassen wir uns einfan-gen in das Spiel, das die Kirche auf eine Institution mit «ein paar Ge- und Verboten» reduzieren will. Die Kirche ist nicht da, um eine Moral oder eine Philosophie zu ver-teidigen, sondern um einen Gott zu vergegenwärtigen und zu verkündigen, der Mensch gewordenen, gestorben und auferstanden ist, um uns zu erlösen, der unter uns lebt und bei uns bleibt bis ans Ende der Zeiten. Das ist «die Größe unseres Glau-bens». Die Größe des christlichen Glaubens ist die allen Menschen angebotene Erfah-rung des Ereignisses, das Christus heißt.
Auf diese Überzeugung stützt sich Benedikt XVI., wenn er uns die pastorale und mis-sionarische Tragweite des gelebten Gebetes in Erinnerung ruft. Es geht nicht in erster Linie darum zu beten, dass das Christentum sich behaupten und ausbreiten kann, sondern darum, dass das Christus-Ereignis das Ereignis unseres Lebens wird. Die Sendung der Kirche besteht nicht vorrangig darin etwas Bestimmtes zu tun, sondern ein neues Geschöpf zu sein, ein Geschöpf, welches in das Christus-Ereignis hineinge-nommen ist.
Wie lernt man beten?
So wie man eine Freundschaft vertieft. Das geschieht, indem man den Austausch von Worten und die Bindung zwischen den Personen immer intensiver werden lässt. Eine Beziehung vertieft sich im Dialog, wenn der Dialog ein Wechsel und ein Austausch von Hören und Sprechen, von Schweigen und Sprechen, von zuhörendem Schweigen und vertrauendem Sprechen ist. Damit aber ein Zwiegespräch nicht in einer ober-flächlichen Gegenüberstellung von Ideen und Meinungen hängen bleibt, muss es den Austausch der Liebe vertiefen, das heißt die Aufmerksamkeit des Herzens und die gegenseitige Hingabe. Und genau so lernt man auch immer besser beten, darauf weist der Papst hin: indem man das Zwiegespräch mit Gott und die liebende Hingabe ver-tieft.
Diese Methode hat nicht der Mensch erfunden; sie ist von der göttlichen Natur be-stimmt. Der Papst erinnert uns daran, dass Gott Logos und Amor ist, wie der heilige Augustinus betont. Gott ist Wort und Liebe, und deshalb kann die Beziehung zu ihm nur im liebenden Zwiegespräch bestehen. Das Gebet ist liebendes Zwiegespräch mit Gott. In diesem Dialog ist Raum für jegliche Form des Betens: das Schweigen, das Hören, das Anbeten, das Bitten, das Lob, der Jubel …
Das Wesen Gottes bestimmt das Wesen unserer Beziehung zu ihm. In Christus hat Gott sich dem Menschen als Logos und Amor zu erkennen gegeben. Daher hat das christliche Gebet eine unübertreffliche Einzigartigkeit. Es gibt keine engere Bezie-hung zu Gott als das christliche Gebet, weil Gott sich in Jesus Christus der Bezie-hungsfähigkeit, die Er selber ins Herz eines jeden Menschen gelegt hat, restlos geöff-net hat. «Die letzte und eigentliche Größe unseres Gottesbegriffs», schreibt der Papst, ist Christus. «Gott ist Spiritus Creator, ist Logos, ist Vernunft. Und diese Vernunft hat ein Herz, so sehr, dass sie auf ihre Unermesslichkeit verzichten kann und Fleisch annimmt». Deshalb entspricht das Gebet als liebende Beziehung zu Gott der Größe des Christentums.
Daran erinnert uns der Heilige Vater mit Nachdruck. Er tut dies aber auch, um uns aufzurütteln in unserer Zerstreutheit und Nachlässigkeit, mit der wir oft den Glauben leben. Diese Oberflächlichkeit besteht vor allem darin, dass wir den Reichtum des Gebetes, des persönlichen Kontaktes mit Gott, wie er uns im fleischgewordenen Wort geschenkt ist, übersehen. Das Gebet ist nicht einfach irgendeine zweckmäßige Hand-lung, es ist nicht eine Verlegenheitslösung, eine Notlösung, um Gott herbeizurufen, wenn wir unsere Ohnmacht spüren. Das Gebet ist das Herz und das Zentrum der christlichen Erfahrung. Ohne dieses Herz fällt die christliche Erfahrung in sich zu-sammen, ist sie sinnentleert, ohne Substanz, und somit können die Probleme, mit denen wir in unserer christlichen Gemeinschaft konfrontiert sind, die wirklichen und schwierigen Probleme, nur oberflächlich angegangen werden. «Dieses innere Sein bei Gott und dadurch Erfahren der Gegenwart Gottes ist das, was sozusagen immer wie-der die Größe des Christentums spüren lässt und uns dann auch durch all das Kleine hindurchhilft, in dem es freilich gelebt und Tag um Tag leidend und liebend, in Freu-de und Trauer, Wirklichkeit werden muss» (Ansprache zum Abschluss des Besuches, 9. November 2006).
Das Gemeinschaftsleben, die Liturgie, die christliche Erziehung, alles das ist uns gegeben, damit die Begegnung mit Christus in unserem Leben Wirklichkeit wird. Das Konzil hat uns in Erinnerung gerufen, dass das Wesen der Kirche «Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit» ist (Lumen gentium 1). Wenn diese «innigsten Vereinigung mit Gott» nicht persönliche Erfahrung wird, Erfahrung des Herzens, dann würde das ganze kirchliche Leben einer Person oder einer Gemeinschaft seinen Sinn verlieren, es würde steril.
Der Papst fordert uns auf, gegen diese Oberflächlichkeit anzugehen. Er fordert das vor allem von den Hirten, damit die Gläubigen ihnen folgen und selber davon Zeug-nis ablegen, dass ein Leben in persönlicher Beziehung zu Gott immer möglich ist: «Deshalb ist es eine Grundaufgabe der Pastoral, beten zu lehren und es selber immer mehr zu lernen. Schulen des Gebets, Gebetskreise, gibt es heutzutage; man sieht, dass Menschen das wollen. Viele suchen Meditation irgendwo anders, weil sie die spiritu-elle Dimension im Christentum nicht zu finden glauben. Wir müssen ihnen wieder zeigen, dass es diese spirituelle Dimension nicht nur gibt, sondern dass sie die Quelle von allem ist» (Ansprache zum Abschluss des Besuches, 9. November 2006).
Der Papst spricht vom Lernen und Lehren, er spricht davon, dass diese persönliche Beziehung zu Gott gepflegt und vorgelebt werden muss. Er spricht von den «Schulen des Gebets». Wenn das Gebet eine vergessene und vernachlässigte Dimension unse-res Lebens geworden ist, dann müssen wir wieder dazu hingeführt werden. Die Men-schen spüren dieses Bedürfnis und drücken es auf ihre Art aus, aber oft finden sie in der Kirche keine Hilfe. Es ist daher notwendig, dass sie Personen und Gemeinschaf-ten begegnen, dass ihnen Orte und Zeiten zur Verfügung stehen, wo diese Erfahrung mitgeteilt wird, wo sie davon berührt und getragen werden. «Dazu müssen wir ver-mehrt solche Schulen des Gebetes, des Miteinander-Betens, bilden, wo man das per-sönliche Beten in all seinen Dimensionen lernen kann: als schweigendes Hinhören auf Gott, als Hineinhören in sein Wort, in sein Schweigen, in sein Tun in der Ge-schichte und an mir; auch seine Sprache in meinem Leben verstehen und dann ant-worten lernen im Mitbeten mit den großen Gebeten der Psalmen des Alten und des Neuen Testaments. Wir haben selber nicht die Worte für Gott, aber Worte sind uns geschenkt: Der Heilige Geist hat selber für uns schon Gebetsworte geformt; wir kön-nen hineintreten, mitbeten und darin dann auch das persönliche Beten lernen, Gott immer mehr ‚erlernen’ und so Gottes gewiss werden, auch wenn er schweigt – Gottes froh werden» (Ansprache zum Abschluss des Besuches, 9. November 2006).
Eine solche Schule gibt es schon seit je: die Schule der Liturgie. Wenn die Liturgie gelebt würde, um das Beten zu lernen, wie viele Missbräuche würden augenblicklich aus den Gottesdiensten verschwinden! Die Liturgie würde gelebt mit der demütigen Absicht, mit der Sehnsucht zu lernen, zu hören, zu bitten, der Kirche zu folgen, die seit zweitausend Jahren ihre Gläubigen bei der Hand und wenn nötig beim Arm nimmt, um sie das Zwiegespräch mit Gott zu lehren, der lebendiges Wort und Liebe ist. Wir würden entdecken, dass man nur mit der Schönheit und Wahrheit lernt. Die Liturgie ist «eben auch Schule des Betens, in der der Herr selbst uns beten lehrt, in der wir mit der Kirche beten, sowohl in der einfachen, demütigen Feier, in der nur ein paar Gläubige sind, als auch im Fest des Glaubens» (Ansprache zum Abschluss des Besuches, 9. November 2006).

Für ein frohes Christentum: die Hoffnung

Ein solches «Netz von Schulen», das den Bedürfnissen entspricht, kann nicht impro-visiert werden. Aber der Heilige Vater hilft uns wenigstens zu verstehen, dass das ei-ne Priorität sein muss, dass alle andern Unternehmungen zur Erneuerung der christ-lichen Gemeinschaft, und das heißt der wirklich menschlichen Gemeinschaft, in der Gesellschaft unserer Zeit nur eine Folge sein können, eine Konsequenz dieser geistli-chen «Bewässerung». Von da wird ein neues Christentum geboren werden, ein frohes Christentum, ein Christentum von Männern und Frauen, die ihre Freude aus Gott schöpfen. Denn Menschen, die mit nichts und niemandem zufrieden sind, die nur fordern und nichts anbieten, können der Welt nicht die Größe und Schönheit eines Lebens mit Christus mitteilen.
Was Papst Benedikt XVI. in seinen Ansprachen den Schweizer Bischöfen gegeben hat, ist nichts anderes als ein persönliches Zeugnis, die Frucht der Erfahrung seines ganzen Lebens, das der Liebe zu Christus und der Kirche geweiht war. Beim Lesen dieser Ansprachen verstehen wir das Geheimnis der Freude und des Friedens, womit der Heilige Vater das Schiff der Kirche heute in den Strömungen und Klippen, die ihn ängstigen und zur Flucht verleiten müssten, vorwärts steuert. Er hingegen lässt sich heute noch von der Stimme des Herrn berühren, die vor zweitausend Jahren zu Pet-rus sagte: «Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!» (Mt 14,27). Es ist, als möchte er davon Zeugnis ablegen, dass ihn diese Stimme gerade im Gebet erreicht, und dass hier die Quelle seines Friedens und seiner Freude zu finden ist, mit der er seine Mitbrüder, die Bischöfe, und das ganze Volk stärkt.
Der eigentliche Name dieser Freude ist die Hoffnung. Darauf macht uns der Papst aufmerksam, wenn er auf Thomas von Aquin verweist, der «Hoffnung und Gebet so-zusagen miteinander identifiziert. (...) Das Gebet ist Hoffnung in Akt. Und in der Tat, im Gebet öffnet sich der eigentliche Grund, warum wir hoffen dürfen: Wir können mit dem Herrn der Welt in Berührung treten, er hört uns zu, und wir können ihm zuhören. (...) Das eigentlich Große des Christentums, das uns nicht dispensiert vom Kleinen und Alltäglichen, das aber auch davon nicht verdeckt werden darf, ist diese Möglichkeit, mit Gott in Berührung zu treten» (Ansprache zum Abschluss des Besu-ches, 9. November 2006).
Die Frucht des Gebetes, in welchem wir tatsächlich dem Herrn der Welt begegnen, ist ein Mensch der Hoffnung. Die Hoffnung ist die Tugend, die alles verwandelt, weil sie die Haltung des Herzens, seinen Blickwinkel verändert. Die Frucht des Gebetes ist ein Mensch, der im Vertrauen auf Gott lebt, weil er der Freundschaft Gottes gewiss ist. Diese Umkehr des Herzens zur Hoffnung verwandelt alles, denn die Hoffnung übergibt alles vertrauend dem Allmächtigen.
Kehren wir noch einmal zum Gleichnis des Gastmahles zurück, das der Papst in sei-ner Predigt den Schweizer Bischöfen ausgelegt hat. Was hat sich im Leben der Ar-men, der Krüppel, der Blinden, der Lahmen, welche die Einladung angenommen hat-ten, verändert? Scheinbar nichts. Nach dem Festmahl sind sie in ihr Leben zurückge-kehrt, immer noch arm, verkrüppelt, blind, lahm, wie vor der Einladung, außer dass sie für einmal genug gegessen hatten. Aber sie haben die Freundschaft des Herrn empfangen, und im Bewusstsein, dass sie Freunde des Herrn sind, konnten sie ihr gewöhnliches Leben weiterführen, obwohl es ein mühsames, armseliges Leben war. Es hat sich also nichts verändert; und doch hat sich alles verändert. Sie konnten wei-terleben mit dem Bewusstsein, dass sie geliebt sind, dass sie in den Augen des Herrn, der sie eingeladen, der mit ihnen gegessen und getrunken, sich mit ihnen unterhalten hat, dass sie in dessen Augen wertvoll, bedeutungsvoll sind. Paradoxerweise hat ge-rade ihr Elend die Liebe des Herrn, seine Freundschaft offensichtlich werden lassen. Dass der Herr ihr Freund, die meist geliebte, wichtigste Person der Erde ist, war für sie von nun an zu einem nicht verblassenden Erlebnis geworden, das in ihrem Herzen keinem Widerspruch, keinem Zweifel ausgesetzt werden konnte.
Die Evangelisierung der Kirche ereignet sich durch solche Menschen, deren Freude in der gelebten Beziehung zu Christus besteht. Es spielt keine Rolle, ob sie armselige Sünder sind wie Zachäus, wie die Samariterin, wie auch die Apostel. Es geht nicht darum, bessere Menschen zu sein, sondern Menschen, die von der Freundschaft mit Christus berührt sind, Menschen, die, wie ein Satz aus der Regel des heiligen Bene-dikt sagt, «der Liebe Christi nichts vorziehen» (Regel 4,21), Menschen, für die die Liebe Christi alles ist. Petrus hat Jesus verleugnet, aber keinen Augenblick lang har er in seinem Herzen die Freundschaft Christi verachtet.
Heute hat Petrus wieder zu uns gesprochen, und im Grunde hat er, wie ein Echo, die einzige Forderung des Auferstandenen wiedergegeben, die einzige Forderung, die einen Hirten ausmacht, der des Herrn würdig und für die Menschheit fruchtbar ist: «Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?» (Joh 21,16).
Das Gebet ist der Ausdruck der Sehnsucht, auf diese Frage des Herrn immer mit «ja» zu antworten.